Wissen wir überhaupt, wovon wir reden?

Was genau meinen wir, wenn wir von „Pädophilie“ reden? Ich spreche hier zunächst nicht die wissenschaftliche Definition an oder konkrete Altersgrenzen der eigenen Präferenz. Ich meine vielmehr die sprachliche Unschärfe: Wenn du mit jemand anderem sprichst, denkst du, er oder sie versteht unter jedem deiner Worte dasselbe, wie du?

Man könnte das Wort „Freundschaft“ als Beispiel anführen, bei dem sicherlich fast jeder Erfahrungen mit seiner Vieldeutigkeit hat: Für die einen ist Freundschaft ein loses Konstrukt ohne Verpflichtungen, das schnell geknüpft ist und eine Zeit lang überdauert. Für andere gehören festes Vertrauen und Verbindlichkeit unbedingt dazu. Manche suchen Übereinstimmung, andere sagen „Unterschiede ziehen sich an“. Und was unterscheidet eine Kindergartenfreundschaft von einer erwachsenen Freundschaft?

Vielleicht ist es ein Fehler, für all diese Konzepte das gleich Wort zu verwenden. So wirft jeder unterschiedliche Dinge in die Schublade „Freundschaft“ und manchmal führt das zu Konflikten. Solange wir nicht irgendwann der Telepathie mächtig werden, werden wir mit den Eigenheiten der Sprache leben müssen. Und dabei ist es hilfreich zu wissen, wo die Stolpersteine liegen, und dazu habe ich vor geraumer Zeit eine Beobachtung gemacht und per Umfrage die Frage untersucht: Was ist „Pädophilie“?

Vorgehen

In den Foren Gemeinsam statt allein (GSA), Virtuous Pedophiles (VirPed) und Girlloverforum (GLF) habe ich je einen Umfrage-Thread erstellt zu der Frage: Was würdest du „pädophil“ nennen? (englisch: What do you call “pedophilia”?) Es gab jeweils 14 Antwortmöglichkeiten, mit denen ich versuchte, die wesentlichen Bedeutungsschattierungen abzudecken, die ich in der Community beobachtet habe. Ab Anfang des Jahres nahm ich Screenshots, um sie auszuwerten (zuletzt am 22.2.2026).

Die Optionen waren auf Englisch möglichst gleichbedeutend mit den deutschen gehalten (siehe Tabelle 1). Ich hoffe die Übersetzung ist mir gut genug gelungen.

Tabelle 1: Formulierung der Auswahlmöglichkeiten

Nr. Antwortoptionen auf Deutsch Antwortoptionen auf Englisch
1. Nur wenn der GRÖẞTE Teil der sex. Präferenz auf Kinder gerichtet ist Only if BIGGEST part of sex. preference is to kids
2. Nur wenn der GRÖẞTE Teil der sex. Präferenz auf Minderjährige (<18) gerichtet ist Only if BIGGEST part of sex. preference is to minors
3. Wenn ein GROẞER TEIL der sex. Präferenz auf Kinder oder Minderjährige gerichtet ist If A BIG PART of sex. preference is to kids or minors
4. Auch bei 50/50 zwischen Erwachsenen und Kindern/Minderjährigen What about half and half between adults and kids/minors?
5. Wenn man sich auch nur etwas zu Kindern/Minderjährigen sex. hingezogen fühlen If you experience any sex. attraction to kids/minors AT ALL
6. Sexuelle Anziehung zu Kindern/Minderjährigen ohne emotional-romantischen Anteil Sexual but not emotional/romantic attraction to kids/minors
7. Romantische Anziehung zu Kindern/Minderjährigen ohne erotisch-sexuellen Anteil Romantic but not erotic/sexual attraction to kids/minors
8. Eine Phase, in der man sich zu Kindern/Minderjährigen hingezogen fühlt, die später womöglich abklingen kann A phase where you feel attracted to kids/minors that may subside later
9. Wenn man Kinder nur deshalb sexy findet, weil sie in gewissem Maße Erwachsenen ähneln If you find kids only sexy because they resemble the adult form to some degree
10. Man ist nicht wirklich pädophil, wenn man sich NUR SEX mit Kindern wünscht und sie nicht auch LIEBT. Das wäre dann eher ein Fetisch oder „pädosexuell“ You’re not really pedophilic if you would just like to have sex with kids and don’t also LIKE them. That would be some fetish or „pedosexual“ instead.
11. Ich bevorzuge „MAP“, da „pädophil“ in der Gesellschaft oder in meiner Vorstellung viel zu sehr mit Missbrauch verbunden ist I prefer „MAP“ since „pedophilia“ is connected way to deeply to abuse in society or in my mind
12. Ich mag „pädophil“ nicht verwenden, sondern aus einem anderen Grund eher „MAP“ I wouldn’t use „pedophile“ but rather „MAP“ for some other reason
13. Ich mag „pädophil“ nicht verwenden, sondern einen anderen Begriff I wouldn’t use „pedophilia“ at all but rather some other term
14. Etwas anderes Something else

Auswertung

Der N-Wert in den folgenden Tabellen gibt jeweils die Anzahl der abgegebenen Stimmen je Forum wider. Das ist nicht gleich der Anzahl der Teilnehmenden, aber leider die einzige Gesamtzahl, die ich habe. Die Forensoftware zählt bei der Gesamtzahl leider nicht die abstimmenden Nutzerkonten sondern die abgegebenen Stimmen, da eine Mehrfachauswahl erlaubt war. Das heißt, die totalen Zahlen der Stimmen für ein Item (siehe Tabelle 2) geben tatsächlich die Anzahl der Nutzerkonten wieder, die dafür abgestimmt haben; die Prozentzahlen (siehe Tabelle 3) dagegen sind aber Prozent der Gesamtstimmenanzahl. Um Vergleichbarkeit zwischen den Foren herzustellen verwende ich zur Auswertung die Prozentangaben.


Tabelle 2: Rohdaten, die Stimmanzahl

GSA VirPed GLF
1. GRÖẞTER Teil der sex. Präf. auf Kinder gerichtet 4 6 13
2. GRÖẞTER Teil der sex. Präf. auf Minderjährige (<18) gerichtet 2 4 1
3. ein GROẞER TEIL auf Kinder oder Minderjährige gerichtet 3 7 2
4. 50/50 zwischen Erwachsenen und Kindern/Minderjährigen 9 5 4
5. auch nur minimale Anziehung zu Kindern/Minderjährigen 3 19 3
6. Sexuelle Anziehung ohne emotional-romantischen Anteil 7 7 4
7. Romantische Anziehung ohne erotisch-sexuellen Anteil 3 5 7
8. Eine Phase, die später womöglich abklingen kann 0 1 2
9. Kinder = sexy, weil sie Erwachsenen ähneln 1 1 0
10. sich NUR SEX zu wünschen ohne Liebe = nicht pädophil 0 2 5
11. Ich bevorzuge „MAP“, da „pädophil“ mit Missbrauch verbunden 3 4 1
12. Ich mag „pädophil“ nicht (verwende stattdessen „MAP“) 0 1 0
13. Ich mag „pädophil“ nicht (verwende anderen Begriff) 1 1 0
14. Etwas anderes 1 1 2
Summe N 37 64 44


Tabelle 3: Prozente der jeweilige Gesamtstimmanzahl N

GSA (N=37) VirPed (N=64) GLF (N=44)
1. GRÖẞTER Teil der sex. Präf. auf Kinder gerichtet 10,8% 9,4% 29,5%
2. GRÖẞTER Teil der sex. Präf. auf Minderjährige (<18) gerichtet 5,4% 6,3% 2,3%
3. ein GROẞER TEIL auf Kinder oder Minderjährige gerichtet 8,1% 10,9% 4,5%
4. 50/50 zwischen Erwachsenen und Kindern/Minderjährigen 24,3% 7,8% 9,1%
5. auch nur minimale Anziehung zu Kindern/Minderjährigen 8,1% 29,7% 6,8%
6. Sexuelle Anziehung ohne emotional-romantischen Anteil 18,9% 10,9% 9,1%
7. Romantische Anziehung ohne erotisch-sexuellen Anteil 8,1% 7,8% 15,9%
8. Eine Phase, die später womöglich abklingen kann 0% 1,6% 4,5%
9. Kinder = sexy, weil sie Erwachsenen ähneln 2,7% 1,6% 0%
10. sich NUR SEX zu wünschen ohne Liebe = nicht pädophil 0% 3,1% 11,4%
11. Ich bevorzuge „MAP“, da „pädophil“ mit Missbrauch verbunden 8,1% 6,3% 2,3%
12. Ich mag „pädophil“ nicht (verwende stattdessen „MAP“) 0% 1,6% 0%
13. Ich mag „pädophil“ nicht (verwende anderen Begriff) 2,7% 1,6% 0%
14. Etwas anderes 2,7% 1,6% 4,5%


Grafisch dargestellt ergibt sich folgendes Bild:

Umfrage (Stand Anfang 2026)

Wie man sieht versammelt in jedem Forum genau eine Option den mit Abstand größten Stimmanteil auf sich: und zwar jeweils eine der Antwortmöglichkeiten, die eine untere Grenze dafür definieren, was schon „Pädophilie“ genannt werden kann. Bei GSA muss demnach für eine Pädophilie mindestens eine gleich starke pädophile wie teleiophile Präferenz vorliegen. Beim GLF muss die Pädophilie die dominante Präferenz sein. Den Abstimmenden bei VirPed dagegen reicht schon eine geringfügige sexuelle Ansprechbarkeit auf Kinder aus, um jemanden als pädophil einzuordnen.

Fragt man nach erotischer versus romantischer Anziehung allein fallen die Antworten so aus, dass bei GSA und VirPed der rein sexuellen Anziehung der Vorzug gegeben wird, während beim GLF mit 15,9% die emotionale Anziehung allein eher ausreicht für eine Pädophilie als die sexuelle Komponente für sich genommen (9,1%).

Eine „pädophile Phase“ wird bei keinem der drei Foren als wirklich pädophil angesehen, nur 3 Leute sahen das anders.

Ziemlich eindeutig verneint wurden außerdem folgende Aussagen:

  • [es ist pädophil,] wenn man Kinder nur deshalb sexy findet, weil sie in gewissem Maße Erwachsenen ähneln
  • Ich mag „pädophil“ nicht verwenden, sondern aus einem anderen Grund eher „MAP“
  • Ich mag „pädophil“ nicht verwenden, sondern einen anderen Begriff

Das Item „Man ist nicht wirklich pädophil, wenn man sich NUR SEX mit Kindern wünscht und sie nicht auch LIEBT. Das wäre dann eher ein Fetisch oder ‚pädosexuell‘“ bekam nur beim GLF nennenswerte Zustimmung und zwar von 11,4% der Teilnehmenden.

Das Acronym „MAP“ wird bei VirPed von vier Leuten und bei GSA von dreien bevorzugt, beim GLF dagegen nur von einem Teilnehmenden.

Diskussion

Meine Erwartungen bestätigten sich hinsichtlich der Einschätzung einer Phase und der anderen fast komplett abgelehnten Antwortmöglichkeiten. Außer dass ich von einer größeren Abneigung gegen „pädophil“ zugunsten der Abkürzung „MAP“ ausging.

Was mich überraschte war, dass zwei der drei „auseiandergenommenen“ Optionen nur relativ wenig Zustimmung erhielten: die, wo von sexueller oder romantischer Zuneigung jeweils allein die Rede ist. Das steht ein wenig im Widerspruch dazu, wie klar die Aussage „Man ist nicht wirklich pädophil, wenn man sich NUR SEX mit Kindern wünscht und sie nicht auch LIEBT. Das wäre dann eher ein Fetisch oder ‚pädosexuell‘“ abgelehnt wurde, was effektiv ja aussagt, dass sexuelle Anziehung allein einen auch pädophil macht. Diese Option habe ich zu Testzwecken andersherum als die anderen formuliert. Hat das nun die Teilnehmenden verwirrt oder wirft das Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit der Antworten auf, da womöglich nicht korrekt gelesen wurde?

Am auffälligsten aber ist die Festlegung der unteren Grenze für das Vorliegen einer Pädophilie. Hier erwartete ich kleinere Unterschiede und eine breite Streuung. Jedoch nicht die deutlichen Spitzen, die ich fand:

  • Im GLF muss die pädophile Präferenz vorherrschend sein, um sich danach zu benennen. Und es gehe um Kinder, nicht um Minderjährige allgemein. (Zweitstärkste Kraft ist hier die 50:50-Variante)
  • Bei GSA ist es umgekehrt: bei 50% Pädophilie wird die Untergrenze gezogen und die dominante Pädophilie landet auf dem zweiten Platz.
  • Bei VirPed dagegen reicht den meisten jede noch so kleine sexuelle Anspechbarkeit durch Kinder/Minderjährige aus, um jemanden als pädophil einzuordnen. (zweiter Platz: „Wenn ein GROẞER TEIL der sex. Präferenz auf Kinder oder Minderjährige gerichtet ist“)

Somit haben wir anscheinend ein Definitionsproblem in der Community: wir müssen davon ausgehen, dass jeder etwas anderes meint, wenn er/sie von der Neigung spricht. Wie können wir dem begegnen?

Ich vermute, dass der große Unterschied zwischen den zwei deutschen Foren und VirPed einen kulturellen Hintergrund haben wird: Die Stigmatisierung in der englischsprachigen Welt ist größer und der Faktor der moralischen Verachtung stärker. Meine Hypothese wäre, dass dort gesellschaftlich so sehr der Eindruck vorherrscht, auch jede kleinste Ansprechbarkeit auf Kinder sei abnormal, verwerflich und besudele sofort die gesamte Existenz eines Menschen, dass sich das auf die innere Vorstellung dessen auswirkt, was nun pädophil sei.
Andererseits frage ich mich, ob eine repräsentative Befragung hierzulande wirklich etwas anderes ergäbe, obwohl diese Ansicht ja schon rein biologisch völlig unrealistsich ist.

Negativ könnte sich ausgewirkt haben, dass ich „Minderjährige“ anfangs in die Formulierung der Antwortoptionen mit aufgenommen habe. Zwecks Vergleichbarkeit musste ich diese Formulierung dann bei den späteren Umfragen mit durchziehen. Dies sollte die Antwortmöglichkeiten inklusiver gestalten. Nach der Auswertung bin ich nicht mehr sicher ob das gelungen ist oder eher für Unklarheit gesorgt hat.

Vergleich zur Diagnose

Bei meiner Anamnese wurde mir erklärt, dass etwa vonseiten Kein Täter werdens eine Pädophilie nur dann als solche diagnostiziert werde,

  1. wenn sie der dominante Präferenzanteil einer Person sei (also der größte Anteil), und
  2. nur wenn die Ansprechbarkeit durch Kinder genuin sei, also sich wirklich direkt auf das kindliche Körperschema richte und nicht etwa auf Kinder, weil sie Erwachsenen ähnlich genug seien.

Das deckt sich, was den Präferenzanteil angeht nur mit den Antworten aus den beiden deutschsprachigen Foren, der Aspekt des genuinen Interesses am Kind findet sich jedoch in allen drei Foren.

Schlussfolgerungen

Für mich nehme ich aus dieser Umfrage mit, dass es individuell und kontextabhängig ist, was die Leute mit „Pädophilie“ meinen. Die Peaks sind klar aber es gibt beachtliche Streuung. Bei Texten, wo es drauf ankommt, werde ich wohl künftig eindeutig definieren, was genau ich meine. Und ich denke es wäre gut, wenn wir das alle tun, denn nur so kann a) sich ein verlässlicher Konsens herausbilden und b) solange kein Konsens besteht sichergestellt werden, dass die aufmerksame Leserschaft mitkriegt, was gemeint ist.

Ich wünsche mir ein Aufgreifen der Fragestellung durch Wissenschaftler zu einer fundierteren Untersuchung des Ganzen. Um Empfehlungen zur Wortwahl für Selbsthilfe, Therapie, Wissenschaft und Gesellschaft zu erarbeiten. Die Diagnosekriterien mit der dominanten Pädophilie zu verwenden erscheint mir für manche Kontexte sinnvoll, aber praktisch klammert das Menschen mit einem geringeren pädophilen Anteil als 50% aus. Soll ich ihnen vorschreiben, sich nicht auch als pädophil bezeichnen zu dürfen? Sie weisen ja eindeutig zu gewissem Grad diese Neigung auf und es ist damit zu rechnen, dass sie auch Stigmatisierung erleben. Brauchen wir da neue Begriffe oder lediglich eine klarere Trennung zwischen wissenschaftlicher Sprache (die dann klar und ohne Wertungen vorzunehmen definieren muss, was sie in einem bestimmten Kontext meint) und Alltagssprache (wo alles geht was zutrifft und man mit gewissen Deutungsunterschieden leben muss)?

Eine Lösung wäre, sich von Schubladen wegzubewegen und stattdessen ein chronophiles Spektrum anzunehmen. Bei der Bisexulität ist es ja auch so, dass jeder unterschiedliche Anteile an Ansprechbarkeit durch Männlein und Weiblein aufweist. Das würde der Realität gerechter werden, die wir in der Community beobachten, dass viele sozusagen „multichronophil“ sind und auf mehr als ein(e) Altersgruppe bzw. Körperschema stehen. Ich selbst bezeichne mich meist als „nicht-ausschließlich heteropädophil“, was die Schwerpunkte benennt aber unvollständig ist: das müsste korrekterweise noch durch eine zusätzliche Vorsilbe „hebe“ ergänzt werden und es heißt nichts anderes als dass ich pädo-hebe-teleiophil bin mit dem Schwerpunkt bei der Pädophilie.

Außerdem schlage ich konkret für wissenschaftliche Kontexte vor, von Formulierungen abzusehen wie: „Pädophilie ist dasunddas“, da sie werten und Deutungshoheit andeuten. In meinen Augen wäre es besser, auf Formulierungen zurückzugreifen, die klar eingrenzen, dass es nur um die jeweilige Arbeit geht, wie:

  • „In diesem Artikel nennen wir Menschen ‚pädophil‘, die …“
  • „Im Rahmen dieser Studie unterscheiden wir ‚pädophil‘ und ‚hebephil‘ wie folgt“
  • „In Anlehnung an Quelle XY haben wir zur Diagnose der Pädophilie diese Kriterien verwendet: …“.

Dank an Hinindil für seinen Input zu diesem Post, insbesondere zum Stichwort „Spektrum“.

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